Welche „digitale Bildung“ wollen wir?

Jetzt also auch noch digitale Bildung. Haben wir nicht schon genug andere Probleme in der Schule?

Der digitale Wandel der Gesellschaft verschwindet nicht mehr, sondern schreitet fort, so viel ist sicher. Und die Ahnung wächst, dass stattdessen auf lange Sicht gerade verschwinden wird, was sich ihm zu entziehen versucht. Wie die Erfindung des Buchdrucks die Neuzeit mit all ihren Umwälzungen eingeläutet hat, wird auch die Erfindung von Computer und Internet in eine neue Epoche führen. So lautet jedenfalls übereinstimmend der Befund weltweit führender Medien- und Gesellschaftswissenschaftler. Aber auch ein historischer Blick auf die letzten 15 Jahre unseres eigenen Alltagslebens kann für viele einen radikalen Wandel bestätigen. Aber eine neue Epoche? Ist das nicht eher etwas für die ferne Zukunft?

In Erwartung des Reformationsjubiläums im nächsten Jahr können wir uns vergegenwärtigen, dass wir nicht nur geistige Kinder der Buchdruck-Ära sind, sondern dass wir mit der Reformation auch an eine besondere gesellschaftliche Erfahrung erinnern, nämlich an die Erfahrung eines Epochenwandels, also eines Prozesses mehr denn eines Ergebnisses. An die damit verbundene turbulente Übergangzeit, gekennzeichnet von Widersprüchen, Spannungen, Konflikten und Kämpfen. An eine lang dauernde Gleichzeitigkeit von Alt und Neu, und an eine Zeit, die beschäftigt damit ist, neue Möglichkeiten zu entdecken und nutzen zu lernen – einerseits – und neue Gefährdungen zu erkennen und beherrschen zu lernen andererseits.

In diesem Denkhorizont verstehen wir die „Digitalisierung der Schule“ nicht als Zutat oder Zusatzaufgabe für eine ansonsten unveränderte Schule. Oder etwa als das Austauschen einer veralteten Geräte-Ausstattung. Das neue Leitmedium Computer/Internet ist (historisch analog zum Buchdruck) nicht einfach nur eine zusätzliche neue Methode, mittels derer wir die immer schon gelösten Aufgaben schneller, besser, effizienter bearbeiten. Es verändert stattdessen die Grundlagen und Bedingungen, unter denen wir unsere Aufgaben historisch neu formulieren und neue Lösungen dafür finden. In jeder Epoche geht es am Ende um die Neudefinition des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft.

Warum ist Schule so sperrig gegenüber der Digitalisierung?
Zu Anfang der Einführung eines neuen Leitmediums wird mit einem technizistischen Medienverständnis gefragt: Kann das neue Medium besser, was wir mit den alten Medien schon konnten? (In der ersten Zeit der Anwendung des Buchdrucks wurden vor allem Ablassbriefe gedruckt.) Dieser „Mehrwert“ ist für die Schule, wie sich zeigte, gering und lohnte den beträchtlichen Aufwand einer Umstellung nicht.
Ein mehr komplexes oder holistisches Medienverständnis in einer fortgeschrittenen Phase der medienpädagogischen Diskussion eröffnet hingegen einen schier grenzenlosen Horizont neuer Möglichkeiten, einen „Anderswert“ (z.B. die Bibel in deutscher Sprache und Literacy für Alle), der jedoch schließlich die Frage aufwirft: „Wo führt das noch hin?“ Kontrollverlust-Erlebnisse und die Angst davor sind verständlich und typisch für die Schule. Es braucht eine Menge an Erfahrung mit dem neuen Medium und Mut, um daraus eine Erkenntnis zu bilden: Kontrolle darüber, was in den Köpfen wirklich vorgeht, hatten wir doch nie. Es entsteht eine Verwandlung des erschreckenden Erlebnisses von Kontrollverlust in die befreiende Erkenntnis vom Kontrollillusionsverlust. Dann erst können Verteilung und Reichweite von Kontrolle und Vertrauen neu gedacht werden.
Und drittens gibt es eine ganz pragmatische Problemebene, die bislang eine überzeugende Form digitalen Wandels in der Schule verhindert hat: Welche Schule verfügt unter den Bedingungen neoliberal betriebswirtschaftlich organisierter Bildung über die nötigen Ressourcen an Zeit und Personal sowie den curricularen Freiraum, um mit dem neuen Medium ausgiebig zu experimentieren und mit offenem Ausgang dessen Möglichkeiten zu erkunden?

Nun kommt aber gerade aus der Wirtschaft der Innovationsdruck mit der immer dringlicher vorgetragenen Forderung nach einer Digitalisierung der Bildung. Die Gefahr für pädagogische Pragmatisten ist groß, aus Zeitmangel und mangels eigener Modelle eine oft utilitaristisch verkürzte ökonomische Sicht auf die Möglichkeiten des neuen Mediums zu übernehmen.

Aber auch „die Wirtschaft“ ist einem Dilemma ausgesetzt: Einerseits braucht sie neuerdings selbstständig denkende, innovative und kritische Mitarbeiter. Eigensinnige Dickköpfe, die gleichzeitig zu einem empathischen Miteinander willig und fähig sind. Und davon nicht nur einige wenige für die traditionellen Führungsaufgaben, sondern bald nur noch solche und auf allen Hierarchie-Ebenen. 50% der bisherigen Arbeitsplätze werden bis Mitte des Jahrhunderts wegfallen. Übrig bleiben nur diejenigen, die nicht von Computern übernommen werden können; die, für die spezifisch menschliche Fähigkeiten wie Empathie und Intuition, kritisches Denken, Zusammenarbeit und Kreativität verlangt sind. Andererseits: Wo führt das hin? Wie behält der „Arbeitgeber“ die Kontrolle darüber, dass diese Fähigkeiten nur für seine Zwecke eingesetzt werden?

Es existieren daher bereits sehr unterschiedliche Modellvorstellungen und Konzepte für eine „digitale Bildung“. Angesichts des Selbstverständnisses evangelischer Schulen, „Bildung nicht auf Wissen und Kompetenzen für das spätere Arbeitsleben zu reduzieren, sondern die vielfältigen Dimensionen einer am ganzen Menschen ausgerichteten Persönlichkeitsentwicklung zu berücksichtigen“, sowie der Betonung der „Bereitschaft und Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme für sich und andere“[1] bietet sich hier die Chance, im Sinne des eigenen Verständnisses Entwicklungen zu prüfen und sich zu positionieren: „Welche digitale Bildung wollen wir?“

Der Vortrag soll die Rolle der Neuen Medien für den gesellschaftlichen Wandel klären und eine Vorlage für die Diskussion über die Folgen für Bildung und Schule liefern. Außerdem werden Informationen über bestehende Modelle bis hin zu Praxisbeispielen für Schulkultur und Unterricht vorgelegt. Es wird auch Gelegenheit geben, Widersprüche sowie die daraus entstehenden praktischen Probleme des Schulalltags zu besprechen.

[1] http://www.evangelische-schulen-in-deutschland.de/images/pdf/Pressetext.pdf

Post by Otmar Scholl

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